LESE

PROBEN

aus: Nachtwolkenblau (Band 1)

Leseprobe 1:

»Jetzt seht euch an«, tönte Brams Stimme wieder vom oberen Balkon, ehe er auflachte. »Ihr dachtet wohl, ihr könntet ewig dieses Leben führen. Doch heute beende ich es.« Neben ihm schien sich einer der Ratsmitglieder zu räuspern. »Beenden wir es«, verbesserte sich Bram und fügte dann mit etwas verhaltener Stimme hinzu: »Letzte Worte? Irgendwas zu sagen? Wollt ihr flehen und betteln?« Die fast geflüsterte dritte Frage verstand Alaric nur, weil er am Fenster unterhalb des Balkons stand.
Die Meute, die sich um die Hinrichtungsstätte versammelt hatte, applaudierte und einen Moment sah es aus, als wollte keiner der Verurteilten etwas sagen.
Der Henker schien unruhig zu werden, Alaric wurde es auch, doch aus anderen Gründen. Er hatte den Kopf schon abgewandt, um sich das Spektakel nicht mit ansehen zu müssen, als sich doch einer der Männer zu Wort meldete.
Er trat einen kleinen Schritt vor, wurde aber vom Strick um seinen Hals aufgehalten. Es war Eskil Sarino, der im Namen aller sprach.
»Jeder erhält, was er verdient«, sagte er mit ausdrucksloser Miene, ehe ein Funkeln in seine Augen trat und er den Blick auf Bram Adkins richtete. »Und wenn nicht, dann sollte man es sich holen.«
Alaric registrierte kaum, wie ein paar der Zuschauer anfingen, Dinge wie Äpfel und Dreck nach Eskil zu werfen. Er war gebannt von seinem Blick, obwohl er seinen Vater und nicht ihn ansah. Alaric hatte nie zuvor jemanden mit einer ähnlichen Aura, wie sie dieser Mann hatte, gesehen. Ihn umgab etwas so Mystisches, dass Alaric beinah enttäuscht war, keines seiner Geheimnisse erfahren zu können, weil er sogleich den Tod am Galgen finden würde.
Er sah zu den anderen der Bande. Der Dieb namens Tallister Nimb blickte mit stierenden Augen in die Menge, voller Verachtung und Unverständnis. Kiro Valir hielt den Kopf gesenkt und schien das Urteil still abzuwarten, während sich sein Bruder, so stämmig wie zwei Männer, die man nebeneinander gestellt hatte, zu seiner vollen Größe aufrichtete. Der Strick lag eng an seinem fülligen Hals und er hielt die Schultern so gestreckt, dass man glauben könnte, er würde die Fesseln an seinen Händen mit bloßer Körperkraft zerreißen können. Doch er tat es nicht. Keiner von ihnen wehrte sich.
Eskil setzte einen Fuß zurück und stellte sich wieder auf die Holzluke. Sobald der Henker das Signal des Ratsvorsitzenden erhalten hatte, würde sich diese gleichzeitig unter allen zehn Füßen öffnen und das Schicksal der Männer war besiegelt.
»Genug von diesem Unfug!«, tönte Brams Stimme über alle Köpfe hinweg und das Raunen wurde leiser. »Henker, es wird Zeit!« Nachdem er die entscheidenden Worte gesprochen hatte, setzte sich der Henker in Bewegung. Alaric nahm das Gemurmel wahr und sah noch, wie er den Hebel betätigte, ehe er den Blick abwandte. Dennoch konnte er hören, wie der Mechanismus der Falltüren ausgelöst wurde.
Er hatte erwartet, dass ein aufgeregtes Raunen durch die Menge wandern würde, doch stattdessen hörte er einige erschrockene Aufschreie und drehte den Kopf nach vorne. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine schnelle Bewegung, etwas, das urplötzlich durch die Luft zischte. Den Bruchteil einer Sekunde erkannte er einen Pfeil, der blitzschnell über die vielen Köpfe hinweg flog und nacheinander jeden Strick durchtrennte.
Alaric drehte sich in die Richtung, aus der der Pfeil gekommen war, und entdeckte eine junge Frau, die einen geschwungenen Bogen im Arm hielt und auf einem Dachvorsprung hockte. Sie musste aus dem offenen Fenster eines Hauses geklettert sein. Die Unruhe auf dem Rathausplatz lenkte seine Aufmerksamkeit sofort wieder auf die fünf Verurteilten, deren Stricke im Moment ihrer Hinrichtung von einem präzisen Pfeilschuss durchtrennt worden waren und die im freien Fall durch die geöffneten Bodenluken fielen.
Er war kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, das war so gut wie niemand der Anwesenden, denn der Schock stand allen ins Gesicht geschrieben. Das nutzte die fremde Schützin und setzte zum Sprung an.

Leseprobe 2:
»Welche Betrugsnummer plant ihr für den heutigen Abend? Haben wir nicht genügend Proviant und Kleidung für die Weiterreise?«
»Was denkst du von uns?«, fragte Tallister mit gespielter Empörung. »Das ist der letzte Abend, bevor wir nach Antula weiterreisen. Wir sollten feiern.«
»Und was gibt es zu feiern?«, hakte sie nach, während Alaric aufstand.
»Das Leben, Kleines. Einfach nur das Leben.«
»Und deinen Freund nimmst du mal schön mit«, meinte Eskil und deutete auf Alaric. »Nicht, dass hier plötzlich ein paar bewaffnete Männer warten, wenn wir zurückkehren.«
»Soll ich ihm ein Seil um den Körper binden und ihn hinter mir her ziehen, damit er nicht verloren geht, oder was?« Auch wenn sie am heutigen Abend wie eine Dame aussah, verriet sie ihr vorlautes Mundwerk. Wenngleich sie über ihn sprachen, und das nicht im Guten, musste Alaric leicht schmunzeln.
»Wie wäre es denn mit einem Strick um den Hals?«, schlug Tallister mit einem dunklen Glitzern in den Augen vor. »Das sollte ihm doch gefallen.«
»Ich glaube nicht, dass jemand wie er überhaupt Spaß kennt«, meinte Finnegan und Alaric verstand als Einziger, worauf er anspielte. Seinem Gedächtnis hatte der Alkoholexzess leider nicht geschadet.
»Wahrscheinlich empfindet niemand eure Art des Spaßes auch als solchen«, kommentierte Erinn augenrollend, bevor sie gemeinsam das Haus verließen. (S. 293f.)

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